Samstag, 18. Juni 2011

SF-Autoren und die Zukunftsforschung

Vor Jahren habe ich eine Lesung von Rolf Krohn und dem Schriftstellerehepaar Steinmüller besucht.  Damals begann ich mich für Science-Fiction zu interessieren. Ich verschlang alles an Lesestoff, was zu kriegen war. Mir gefiel, dass das Genre einem Autor die Weiterführung auch ungewöhnlicher Ideen bot. Dr. Karlheinz Steinmüller und seine Frau Angela sind nun seit langem in der Zukunftsforschung tätig. Die Entwicklungen in diesem Arbeitsbereich in Verbindung mit der schriftstellerischen Tätigkeit der beiden Autoren fand ich ungeheuer spannend. Das Ehepaar Steinmüller war so nett, mir einige Fragen zu beantworten.

Wie funktioniert Zukunftsforschung?

Zukunftsforschung ist auf die Zukunft gerichtete Gegenwartsforschung. Ausgehend von heutigen Fakten und bisherigen Entwicklungen werden begründete Hypothesen ("Konjekturen") über die Zukunft erarbeitet. Dabei geht es nie um die Zukunft im Allgemeinen, sondern stets um die Zukunft eines konkreten Themenbereichs (die Zukunft von X). Ein Knackpunkt besteht darin, vor einem gegebenen Zeithorizont zu unterscheiden, was relativ sichere Entwicklungen sind (die können in die Zukunft extrapoliert werden) und wo die größten Unsicherheiten liegen. Letztere beschreibt man in alternativen Szenarien, oder man versucht Wild Cards (wenig wahrscheinliche, aber mögliche Eventualitäten mit großer Wirkung) zu identifizieren. Das Ziel besteht fast stets darin, Handlungsempfehlungen ("Implikationen") für den heutigen Tag abzuleiten.

Sind SF-Autoren dafür prädestiniert, realistische Zukunftsszenarien zu erstellen?

Ganz entschieden: Jein. SF-Autoren wollen spannende Geschichten erzählen. Realistisch müssen diese nicht sein, sondern (in der Regel) möglichst originell und phantastisch, was ja fast das Gegenteil von realistisch ist. Aber die SF-Fabeln und SF-Welten müssen wenigstens in sich konsistent und plausibel sein, um einen "willing suspense of disbelief" seitens des Lesers zu ermöglichen. Den futurologischen Szenarien dagegen fehlt oft Farbe, Phantasie, Originalität. Und oft sind sie wenig konkret, die Akteure in ihnen sind noch nicht einmal Pappkameraden. In diesen Punkten sind SF-Szenarien eindeutig überlegen. Sagen wir es so: SF-Zukunftsszenarien sind nicht realistisch. Oft aber immer noch viel realistischer als die meisten futurologischen Szenarien.
 

Worum geht es in „Computerdämmerung“, dem aktuellen 6. Band Ihrer Werksausgabe?

Der Band enthält etwa zur Hälfte leicht überarbeitete Erzählungen aus unseren früheren Bänden "Der letzte Tag auf der Venus" und "Windschiefe Geraden", einige verstreut publizierte Erzählungen und einige neue, extra für Band 6 geschriebene Storys. Themenschwerpunkt sind - neumodisch ausgedrückt - mögliche Perspektiven von NBIC: Nano-, Bio-, Info-, Kognotechnologien. Was passiert, wenn eine Art Grippe-Virus das für religiöses Empfinden zuständige Gehirnzentrum lahmlegt? Wie werden die Zweiten Menschen - jene intelligenten Erdbewohner, die uns nach einem langen evolutionären Rückfall ablösen werden - über uns, die Ersten Menschen, denken? Und was passiert, wenn Roboter-Püppchen in den Kinderzimmern den Ton angeben?

Ich danke Ihnen beiden!

Link: http://www.steinmuller.de

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