Dienstag, 22. März 2016

Interview mit Holger Karsten Schmidt, Drehbuch-und Romanautor


1. Du schreibst neben Drehbüchern auch Romane. Fällt dir die Umstellung schwer?

Nein. Ich freue mich immer, wenn ich zum Roman wechseln kann, weil es im Roman viel weniger erzählerische Beschränkungen gibt als im Drehbuch. Ich wechsle nur ungerne ins Drehbuch zurück.

2. Bei Filmen wird ein Riesenrummel um Regisseure und Schauspieler gemacht. Drehbuchautoren scheinen dabei oft unterzugehen. Ist das wirklich so?

Ja. Nimm Deine drei Lieblingsfilme. Du wirst sehr wahrscheinlich sagen können, wer die drei Hauptrollen gespielt hat. Bei den Regisseuren wird es vermutlich schon haken. Und bei den Autoren wird die Antwort dreimal sein „Weiß ich nicht.“
Das ist innerhalb der Filmbranche nicht anders. Das liegt auch daran, dass der Autor nie Teil des Teams ist – denn der hat seine Arbeit vor dem ersten Drehtag beendet.
Laut einer Umfrage gehen 81% der Deutschen wegen der Story ins Kino – aber kaum einer weiß, von wem sie stammt.

3. Wie ist der Stand der Drehbuchautoren hier im Vergleich zu denen in den USA?

Die Wertschätzung der Urheber endet hier oft dann, wenn sie mehr kostet als Atemluft.
In den USA hat man die Entscheidungshoheit über die Geschichten jenen zurückgegeben, die sie sich ausgedacht und niedergeschrieben haben: den Autoren.
In Deutschland meinen oft sehr viele Beteiligte, dass sie besser wissen wie die Geschichte funktioniert und es zu wenige gibt, die sie davon abhalten.
Am Ende steht oft ein wackeliger Konsens-Film, der es jedem recht machen möchte – aber keine klare Handschrift mehr aufweist.
Hinzu kommt, wenn man es wirtschaftlich betrachtet, dass sich die andere Wertschätzung der US-Kollegen für ihre Autoren auch finanziell niederschlägt. Von dem Etat eines deutschen Filmes geht nur ein Bruchteil dessen in die Stoffentwicklung, was in den USA investiert wird.

4. Wenn du keine Vorgaben hättest, auch kein Stimmchen im Hinterkopf, das dir sagt, Sender nehmen dies und das nicht, was würdest du da am liebsten schreiben?

Ich habe einige Geschichten, die den Sendern zu teuer, zu brisant, zu sperrig, zu „arthouse“, zu hart, zu nihilistisch, zu märchenhaft sind – die bewahre ich mir einfach für einen Roman auf.
Einige sind schon als Drehbücher geschrieben – was für mich immer eine sehr dankbare Arbeitsgrundlage für den Roman darstellt - , andere noch nicht.

5. Was sind deine nächsten Projekte?

Für KiWi entwickle ich gerade „Lost in Fuseta“ über einen deutschen, autistischen Kommissar, der mit portugiesischen Kollegen an der Algarve ermitteln muss – in Fuseta.

Im Filmbereich starten im Juni die Dreharbeiten zu „Gladbeck“, einem Zweiteiler über das Geiseldrama von 1988.
Im Bereich Drehbuch entwickle ich in einem Writers Room zusammen mit anderen Autoren eine Serie über die Kolonialisierung des Mars. Ansonsten habe ich ebenfalls für KiWi den Roman „Die Toten von Mirow“ geschrieben und adaptiere ihn gerade als Vierteiler für die ARD. Roman und Film sollen dann kurz hintereinander publiziert bzw. ausgestrahlt werden, voraussichtlich im Herbst 2017.

Vielen Dank!

Angaben zur Person:

Holger Karsten Schmidt, Jahrgang 1965, ist gebürtiger Hamburger und hat nach einigen beruflichen Umwegen 1991 an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg Drehbuch studiert. Bereits während seines Studiums konnte er mit ersten abendfüllenden Spielfilmen zunächst im Fernsehen und mit seinem Diplomdrehbuch „14 Tage lebenslänglich“ auch im Kino Fuß fassen.

In den letzten 20 Jahren hat der gefragte Drehbuchautor über 70 Drehbücher geschrieben. Er war für zahlreiche Preise nominiert und hat einige gewonnen, darunter zwei Mal den renommierten Grimme-Preis für „Mörder auf Amrum“ und „Mord in Eberswalde“.

2011 gab Holger Karsten Schmidt mit „Isenhart“, einem Plädoyer für das freie Denken im Gewand einer mittelalterlichen Lebensgeschichte eines Hochbegabten, sein Romandebüt.

Dem folgte 2015 sein auf Recherchen beruhender Thriller „Auf kurze Distanz“, in dem ein verdeckter Ermittler die Wettmafia infiltriert.
2016 wird „Lost in Fuseta“ erscheinen.

Schmidt lebt mit seiner Frau in Asperg bei Ludwigsburg.

Drehbücher (kleine Auswahl): 

"Ein starkes Team - Träume und Lügen"
"In Sachen Kaminski"
"Mörderische Erpressung"
"Tatort: In eigener Sache"
"Der Seewolf"
"Tatort: Spiel auf Zeit"
"Kommissarin Lucas - Der nette Herr Wong"
"Jack the Ripper - Reloaded"
"Tatort: Preis des Lebens"
"Das weiße Kaninchen"
"Nord bei Nordwest - A Girl`s best Friend"

Homepage: holger-karsten-schmidt.de

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