Montag, 9. Januar 2017

Simon Spiegel über den perfekten SF-Film


Stell dir vor, du hättest die Chance, den perfekten SF-Film zu machen. Welche Autoren würdest du engagieren wollen, um das Skript zu schreiben?
Was müsste der Autor beim Drehbuch besonders beachten? Welche Kriterien sind für dich ausschlaggebend?
Welchen Regisseuren traust du zu, den Stoff nach deinen Vorstellungen umzusetzen?

Da diese drei Fragen alle in die gleiche Richtung gehen, beantworte ich sie gemeinsam. Respektive: Ich kann diese Fragen eigentlich nicht beantworten, da ich das Konzept des „perfekten SF-Films“ sehr problematisch finde. Was soll denn ein perfekter SF-Film sein? Die Frage impliziert, dass es eine SF-spezifische Qualität gibt, die einen guten SF-Film ausmacht, und das halte ich für falsch. Ein guter SF-Film ist in erster Linie ein guter Film. Natürlich sollte sich ein SF-Film der Konventionen und der Traditionen des Genres bewusst sein; man kann heute z.B. nicht einen Zeitreisefilm drehen und so tun, als habe noch nie jemand vom Großvaterparadoxon gehört. Ein Film kann innerhalb eines Genres mehr oder weniger originell sein, aber das ist nicht irgendwie SF-spezifisch, sondern gilt für jedes Genre. Vor allem hängt die Qualität eines Films auf keinen Fall nur davon ab, ob er das Genre inhaltlich bereichert. Um beim Zeitreisemotiv zu bleiben: Predestination ist wohl der derzeit konsequenteste Zeitreisefilm, der das Großvaterparadoxon auf die Spitze treibt. Nun ist das aber einerseits auch nicht so neu – Leser von Heinlein kennen die Geschichte seit Jahrzehnten –, andererseits hat der Film auch klare Schwächen. So ist sein geleckter Retrolook doch ziemlich abgestanden und der Plot letztlich zu sehr auf sich selber fokussiert (was aber typisch für diese Art von Zeitreisegeschichte ist). Predestination ist sicher sehenswert, aber was er an „Genre-Originalität“ gut macht, büßt er teilweise in anderen Kategorien wieder ein.
Natürlich gibt es gute und weniger gute Filme. Es gibt ärgerlichen Schrott und Meisterwerke von großer formaler Vollendung, aber den perfekten Film gibt es nicht. Bei der Bewertung eines Films ist für mich wichtig, dass man den Film an seinen eigenen Ansprüchen misst. Wie platziert sich das Werk selbst innerhalb der weiten und zerklüfteten Filmlandschaft, wen will er ansprechen, was will er erreichen? Nehmen wir drei der in meinen Augen interessantesten SF-Filme der vergangenen Jahre – Snowpiercer, Under the Skin und Mad Max: Fury Road. Diese drei Filme sind zweifellos SF – obwohl man das bei Under the Skin allenfalls noch diskutieren könnte –, sind alle drei ganz hervorragend, sie haben aber ganz offensichtlich sehr unterschiedliche Dinge im Sinn. Fury Road ist extrem hoch getaktete postapokalyptische Action, Snowpiercer eine hinterhältige Dystopie in einem ungewohnten Setting und Under the Skin schon fast ein Experimentalfilm, auf jeden Fall ein Werk, das sich den gängigen Kategorien weitgehend entzieht. Diese drei Filme wollen Unterschiedliches erreichen – wobei die Filme von George Miller und Joon-ho Bong wohl näher beieinanderliegen als jener von Jonathan Glazer –, und sie tun das auch. Zwei viel gepriesene SF-Filme der letzten Jahre – Interstellar und Arrival – scheitern hingegen an ihrem Anspruch. Beide wollen offensichtliche „philosophische SF-Film“ sein, beide fallen in den entscheidenden Momenten aber hinter ihre eigenen Prämissen zurück und liefern statt intellektuellem Anspruch Handwedelei und Kitsch (wobei Interstellar diesbezüglich sehr viel übler ist als Arrival). Wahrscheinlich hat Arrival den höheren intellektuellen Anspruch als Fury Road, der Film besitzt auch unbestritten viele schöne Momente. Insgesamt ziehe ich den in seinem Rahmen viel konsequenteren Fury Road aber vor.
Oder nehmen wir die Superhelden-Filme der letzten Jahre: Das Ziel ist spektakuläre Blockbuster-Unterhaltung. Auch wenn nicht alle Produktionen gleich gut sind und man die Marvel-Formel mittlerweile doch ein bisschen oft gesehen hat, muss man anerkennen, dass die diversen Iron-Man-, Captain-America- und Avengers-Filme insgesamt handwerklich sehr hochwertig sind und das, was sie erreichen wollen, weitgehend umsetzen können. Bei den DC-Filmen sieht das anders aus, wobei hier wohl das Problem ist, dass die Macher schlicht nicht wussten, was sie eigentlich wollten. Batman v Superman: Dawn of Justice oder Suicide Squad sind auf jeden Fall filmische Katastrophen – vollkommen egal, ob man sie nun als SF-Filme oder „bloß als Filme“ betrachtet.
Die Frage nach dem Autor resp. dem Regisseur für den perfekten Film kann ich somit nicht beantworten, es hängt wohl mehr davon ab, was für eine Art von Film man will. Und auch hier garantiert der Name ja nichts: George Miller hat beileibe nicht nur großartige Filme gedreht, und dass Jonathan Glazer in absehbarer Zeit einen ähnlichen Geniestreich wie Under the Skin fertig bringen wird, bezweifle ich. Ridley Scott hat mit Alien und Blade Runner zwei der wichtigsten SF-Filme der letzten 40 Jahre gedreht, produziert seit einem vierten Jahrhundert mit wenigen Ausnahmen aber nur noch Schrott. Ähnlich, wenn auch weniger ausgeprägt bei James Cameron: Avatar ist deutlich schwächer als Aliens oder seine beiden Terminator-Filme.

Würdest du eher dahin tendieren, die Geschichte für das breite Publikum oder für die Filmkritiker zu entwickeln? Siehst du da überhaupt Unterschiede? 

Diese Frage scheint mir ebenfalls von einer falschen Prämisse auszugehen, nämlich der, dass ein Kritiker oder eine Kritikerin etwas anderes von einem Film will als ein Normalzuschauer, und das ist natürlich Unsinn. Filmkritiker sind in ihrem Beruf, weil sie Filme lieben. Die Aufgabe eines Kritikers ist es, einen Film einzuordnen und „Sehhilfe“ für das Publikum zu leisten. Also das Werk in einen größeren Kontext – das übrige Schaffen des Regisseurs, das Genre, die Filmgeschichte, aktuelle filmische Tendenzen etc. – zu setzen. Die Wertung ist ein Teil davon, sie dient aber vor allem dazu, den Standpunkt des Kritikers kenntlich zu machen.
Mir ist klar, dass ein Großteil dessen, was heute unter dem Label „Filmkritik“ veröffentlicht wird, diesem Ideal nicht gerecht wird – meine eigenen Texte nehme ich davon keineswegs aus –, aber eine Kritik sollte deutlich mehr sein als die Zusammenfassung der Handlung, die am Schluss mit ein paar Sternchen garniert wird. Bei einer gelungenen Kritik ist es letztlich zweitrangig, ob ich als Leser mit dem Urteil des Kritikers übereinstimme. Ich sollte auch einen Gewinn draus ziehen, selbst wenn ich zu einem ganz anderen Urteil gelange.
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Bei der Bewertung eines Films ist für mich wichtig, dass man ihn an seinen eigenen Ansprüchen misst. Natürlich hat jeder individuelle Vorlieben und Abneigungen. Manche interessieren sich nicht für Musicals, andere können nichts mit Action anfangen (obwohl ich eigentlich kaum jemanden kenne, der Film wirklich liebt und von der schieren kinetischen Energie von Mad Max: Fury Road nicht begeistert wäre), aber das sollte einen Kritiker nicht daran hindern, die Qualitäten eines Films zu erkennen.
Aber um auf die eigentliche Frage zurückzukommen: Mit dem Anspruch eines Films gehen auch unterschiedliche Publikumssegmente einher. Under the Skin ist ein zeitweise anstrengender, sehr unangenehmer Film, auf den man sich einlassen muss. Dass man damit deutlich weniger Leute anspricht als mit einer gut geölten Superheldenstory ist klar. Aber eine 200-Millionen-Dollar-Marvel-Produktion muss auch viel mehr Geld einspielen als ein Arthouse-Film wie jener Glazers.
Obwohl in den letzten Jahren vermehrt kleine, eigenwillige SF-Filme produziert wurden, bleiben Perlen wie Glazers Film rar. Insofern: Je mehr solche Filme, umso lieber. Aber es gibt bei einer solchen Produktion auch viel mehr Fallstricke; das Risiko zu scheitern, ist groß. Und wenig ist unbefriedigender als extrem ambitionierte Filme, die ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden. Da ziehe ich gute gemacht Mainstream-Unterhaltung jederzeit vor. Was dagegen niemand braucht, sind cineastische Beleidigungen wie die Transformers-Reihe oder die jüngsten DC-Superheldenstreifen.

Vielen Dank!

Bioblurb

Simon Spiegel kam 1977 in Basel zur Welt, ging dort zur Schule und lernte am heimischen Fernseher James Bond, Some Like It Hot und andere Perlen des Unterhaltungskinos kennen und lieben. Nach der Matur zog er nach Zürich, wo er Germanistik und Filmwissenschaft studierte, seinen filmischen Horizont beträchtlich erweiterte und eine Dissertation zum Science-Fiction-Film schrieb, die 2007 unter dem Titel Die Konstitution des Wunderbaren. Zu einer Poetik des Science-Films veröffentlicht wurde. Es folgten 2010 Theoretisch phantastisch. Eine Einführung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur sowie zahlreiche weitere Aufsätze zum SF-Film und verwandten Themen. Spiegel ist als freier Filmjournalist für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften tätig und war von 2008 bis 2014 Co-Leiter der Semaine de la critique am Internationalen Filmfestival Locarno. 2017 wurde er mit dem Prix Pathé – Preis der Filmpublizistik ausgezeichnet.
Er unterrichtet regelmäßig am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich und ist Mitherausgeber der Zeitschrift für Fantastikforschung. Derzeit schreibt er im Rahmen eines Forschungsprojekts des Schweizerischen Nationalfonds an seiner Habilitation zur Utopie im nichtfiktionalen Film. Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Zürich.

Simon Spiegel veröffentlicht regelmäßig auf simifilm.ch und utopia2016.ch.